LEOGANG / SÃO PAULO /
oder: Wie man Geister verschickt...
Menschen setzt man in ein Flugzeug oder in ein Auto oder in einen Zug. Dinge packt man in einen Koffer oder in eine Schachtel oder in eine Tasche und setzt sie so in ein Flugzeug, ein Auto oder einen Zug. Und Geister? – Die sollten sich eigentlich an einer Stelle, zum Beispiel in Leogang, ent- und an anderer Stelle, zum Beispiel in São Paulo, re-materialisieren können...
Wir erhielten die Einladung zum Festival "Ein Fenster zur Utopie" acht Wochen vor der Reise. Dann war viel zu tun: Flüge buchen, Hotel, wer bleibt wie lange, wer kommt von wo? Und vor allem: Wer kann was mitnehmen?! Und was tun mit Masken, Reifröcken, Fellen, Instrumenten und allem anderen, das nicht in einen Reisekoffer passt? – Kein Problem. Für so etwas gibt es Speditionen. In aller Welt.
Nicht in Brasilien. Zumindest nicht so schnell. Und was ist das überhaupt für eine Firma...? – Keine Chance. Als wir schon fast verzweifeln, verweist uns jemand an die österreichische Handelsvertretung in São Paulo. Die freundliche Dame mit dem brasilianischen Akzent ruft umgehend zurück, bestätigt, dass wir keine Spedition finden werden – und beantragt einen diplomatischen Sonderkurier.
So kommt es, dass wir eine große Kiste mit einem Schild, auf dem außer "SÃO PAULO" nichts zu lesen ist, am Empfang des Außenministeriums in der Wiener Herrengasse abgeben. Und wenig später im Büro des österreichischen Handelsdelegierten in eben jenem São Paulo wieder abholen. So einfach können internationale Beziehungen sein. – Für Geister. Der menschliche Anteil des Ensembles passiert brav alle Kontrollen und absolviert seine
14 Stunden im Flugzeug.
(Danke an das Außenministerium – und danke an das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, das an die Geister geglaubt und für die Menschen die Reisekosten übernommen hat!)
Und dann São Paulo: 11 Millionen offizielle Einwohner, rund 18 Millionen tatsächliche. Größte Stadt der Südhalbkugel, drittgrößte überhaupt. Kulturhauptstadt Brasiliens, viele sagen: Südamerikas. Die “Biennale São Paulo” ist ein fixer Termin im globalen Kunst-Betrieb, die Stadt durchsetzt von größeren und kleineren Kunst- und Kultur-Initiativen, die gut miteinander vernetzt sind.

Die Paidéia Associaçião Cultural positioniert sich in diesem Kulturbetrieb an einer besonderen Schnittstelle: Neben der Produktion eigener Aufführungen arbeitet das Team des Theaters auch in der Vermittlung von Kultur und schließt dabei junge Zuschauer sowohl aus den reichen Vierteln als auch aus den Favelas, den überbelegten Slums der Stadt, mit ein. Sie leistet so einen wesentlichen Beitrag zu einer wirklich umfassenden städtischen Kultur.
Empfang ist herzlich, das Theater eine sympathische, engagierte Organisation, der man kaum ansieht, dass sie gerade mehrfach für den begehrten FEMSA, eine Art Theater-Oscar, nominiert worden ist. Das jährlich stattfindende Festival der Paidéia hat einen guten Namen und ist 2010 bereits zum fünften Mal mit dem Theater-Preis der Stadt São Paulo ausgezeichnet worden. Neben drei Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum (SchauBurg München, Schnawwl Mannheim und uns) sollen diesmal Produktionen aus Brasilien, Argentinien und Kanada dabei sein.
In Podiumsdiskussionen und Workshops und vor allem in ihren Arbeiten, die auf dem Festival gezeigt werden, lernen wir die Kollegen kennen. Das Programm ist unheimlich dicht: pro Tag gibt es drei, vier verschiedene Aufführungen zu sehen, für unsere eigene braucht es Licht- und Schauspielerproben, und die Gespräche gehen natürlich auch nach dem offiziellen Teil noch weiter. Zu Mittag kochen Holdão, Doña Elvira und Doña Lourdes hervorragend für alle, und am Abend werden wir nach der letzten Vorstellung meistens noch zu einem externen Programm ausgeführt. Schlaf gibt's wenig.
Im Festival gefallen uns vor allem die Arbeiten der Brasilianer. Ihr Theater ist unheimlich lebendig und bunt – auch wenn wir sprachlich wenig verstehen. Musik und Rhythmus spielen immer eine wichtige Rolle, und die sind international. Im Hof hat ein Mini-Theater aus Argentinien eine kleine Kiste aufgebaut, in der je ein Zuschauer die Reise einer wenige Zentimeter großen Papierfigur beobachten kann. Auch das eine ganz besondere, feine Welt.
Und dann der WALD. Im Festival-Programm heißt er NA FLORESTA, und beginnt mit einem Text, der die Brücke schlägt zwischen einer Lichtung auf dem großen Asitz und einem stillen Raum zwischen den Wolkenkratzern São Paulos. (Wer ihn nachlesen möchte, findet ihn hier.) Bereits das Übersetzen des Texts ist ein Erlebnis. Es stellt sich heraus, dass es im Brasilianischen mindestens vier verschiedene Wörter für "Geist" gibt, und das halbe Theater beteiligt sich an der Diskussion, welcher Kategorie die Wesen aus dem Pinzgau denn nun zuzuordnen seien. Als wir den Text am Beginn des Stückes schließlich zweisprachig lesen, verbindet er nicht nur unterschiedliche Landschaften miteinander...
Zwei Vorstellungen spielen wir. Die erste ist recht ernst, noch ein wenig unheimisch in dem so völlig anderen Umfeld; die zweite ganz und gar lebendig und verrückt. Die Geister sprengen das Theater. Bis ins Foyer und in den Garten hinaus öffnen sie den Raum, Zuschauer ab dem Säuglingsalter spielen mit, und sogar die diplomatische Kiste tritt in Aktion. Laut Aglaia Pusch, der Leiterin des Theaters, ist NA FLORESTA eindeutig das "schrägste Stück des Festivals" und wird sogar in der Theaterkommission ausführlich diskutiert.
Und auch die Reaktionen des Publikums sind sehr positiv. Nicht nur die Kinder lieben die seltsamen Figuren – und es zeigen sich die erstaunlichsten Verwandtschaften: Was in Leogang als Gestalten aus der alpinen Überlieferung erkannt worden ist, verwandelt sich in den Augen der brasilianischen Zuschauer in Orixás, Götter aus dem Candomblé. Wo ein Urlauber aus dem Schwarzwald die Märchen-Wesen seiner Kindheit gesehen hat, zeigt uns ein Besucher aus Rio de Janeiro ein Bild des "Alten aus dem Wald", anscheinend auch er ein Doppelgänger einer unserer Figuren. Und sogar Saci, der populäre brasilianische Windgeist, hat offenbar einen Pinzgauer Bruder. Dass sich die Geister aus Österreich auch in den tropischen Riesenbäumen Brasiliens wohl fühlen könnten, hatten wir schon vorher bei einem Besuch im riesigen Ibirapueira Park festgestellt...
Alles in allem war unser Ausflug nach Brasilien ein großer Erfolg: Ein intensiver Austausch von Ideen und Gedanken, das Kennenlernen einer anderen Lebens- und Theater-Welt, die Möglichkeit, die eigene Arbeit am Blick einer ganz anderen Kultur zu überprüfen – und festzustellen, dass Verständigung nicht auf gemeinsame Worte angewiesen ist: Die inneren Bilder spannen den Bogen von der Stille der Salzburger Berge zum Chaos einer brasilianischen Millionenstadt ohne Mühe. Der Rest ist Singen, Schweigen und Lachen.

PS: Die Kiste reiste auch zurück als Diplomatin – diesmal mit einem großen Schild "WIEN". Und demnächst wird sie wieder gepackt. Für Leogang...
|
|